Datum: 28 November, 2025

Kategorie: Neuigkeiten


Im Julius-Leber-Haus in Essen-Kray verwandelt sich ein Herbstabend in eine Reise durch Kulturen und Melodien. Mohamed Khaled, syrischer Musikpädagoge und Brückenbauer, hat einen orientalischen Abend organisiert, der nicht nur ein kulturelles Event ist: Es ist ein Ort, an dem Musik zum Heilmittel gegen Heimweh wird und Menschen verschiedener Herkunft zusammenfinden. Unsere Podcasterin Tuba Tunçak hat in Musikwelten NRW gemeinsam mit Ela Genç den Projektleiter Mohamed Khaled und die weiteren Beteiligten des Abends interviewt.

Zehn Jahre, ein Traum

„Ich bin ja selber auch stolz auf mich, dass ich nach zehn Jahren hier in Deutschland was geschafft habe“, sagt Mohamed Khaled. Der Musiker und Musikpädagoge aus Syrien steht im Julius-Leber-Haus in Essen-Kray und koordiniert die letzten Vorbereitungen. Was mit monatlichen Kleinveranstaltungen begann, ist zu einem ambitionierten Kulturprojekt gewachsen. Fünf Mal fand der orientalische Abend im vergangenen Jahr statt, diesmal aber „ist er so groß“, wie Khaled mit hörbarer Aufregung bemerkt.

Gemeinsam mit dem Julius-Leber-Haus, der AWO Essen und dem Überhaus Kray hat er ein Programm entwickelt, das Musik, Essen und Begegnung vereint. Der Landesmusikrat NRW hat das Projekt gefördert. „Die Leute sollen hierherkommen, zusammensitzen, quatschen“, erklärt der Initiator seine Vision. Es geht um jene selbstverständliche Normalität, die ein Weihnachtsmarkt in Deutschland bietet – nur eben mit orientalischem Akzent.

Zum kulinarischen Programm gehören u.a. gefüllte Weinblätter, Lupinen und Baklava, zubereitet von einer syrischen Frauengruppe. Eine besondere Spezialität sind gekochte Bohnen, deren Wasser man trinkt – traditionell bei Festen im Ramadan. „Das ist unser Glühwein“, lacht Khaled.

Neue Heimat, alte Wurzeln

Hinter den Leckereien stehen Mitwirkende wie die ehemalige syrische Apothekerin Neven Fathi Khattab,  die heute bei der AWO arbeitet und dort regelmäßig ein syrisches Frühstücksprogramm anbietet. Vor einem Jahr wurde sie eingebürgert – ein besonderer Moment für eine Palästinenserin, die in Syrien keinen Pass besaß. „Hier habe ich eine neue Heimat“, sagt sie. „Meine Kinder studieren auch. Wir haben eine schöne Wohnung. Wir haben Arbeit. Ja, und ich bin zufrieden.“

Ihre Geschichte steht exemplarisch für viele Anwesende: Menschen, die in Deutschland nicht nur Zuflucht, sondern Heimat gefunden haben, ohne ihre kulturellen Wurzeln aufzugeben. Der orientalische Abend ist Ausdruck dieser doppelten Identität.

Drei Stimmen gegen das Heimweh

Die an diesem Abend beteiligten Ensembles tragen symbolträchtige Namen. „Levante“ bezeichnet die arabischen Länder am östlichen Mittelmeer – Syrien, Libanon, Palästina, Jordanien. „Das ist nicht nur für Araber“, betont Khaled. „In der Levante wohnen auch sehr viele Leute, zum Beispiel Araber, Kurden, Syrer.“

Nesren, Rayam und Noha Sukar sind drei Schwestern, die das vokale Herzstück der Levante-Band bilden. Ihre musikalische Reise begann in Syrien, wo sie als Kinder in der Kirche sangen. „Wir haben entdeckt, dass wir alle eine schöne Stimme haben“, erzählt eine der Schwestern. In Deutschland liegt ihnen besonders am Herzen, ihre Kultur bekannt zu machen und gleichzeitig das Heimweh ihrer Landsleute zu lindern.

„Wenn wir diese Melodie oder diese Lieder singen, dann bekommen diese Leute viele, viele schöne Gefühle“, erklärt Nesren. Es geht nicht nur um Nostalgie, sondern um ein Gefühl von Zugehörigkeit in der Fremde. Musik ist für sie Familientradition: Sie singen zu Hause, bei Familienfeiern, und geben ihr Wissen an ihre eigenen Kinder weiter.

Die Sprache der Gefühle

Kamal Khalil und George Sukar, beide ebenfalls Mitglieder des Ensembles Levante, spielen seit drei Jahren zusammen. Ihr Repertoire umfasst arabische, kurdische, deutsche und englische Lieder, Volksmusik und religiöse Gesänge. Die Sprache sei dabei zweitrangig, erklärt Khalil. Im Konzert sei das Gefühl entscheidend, das die Musik transportiere. Die Besucher müssten die Texte nicht verstehen: „Sie wissen nicht, was dieses Lied bedeutet. Aber sie fühlen sich gut dabei.“

Für die beiden selbst, war es eine anfängliche Herausforderung in fremden Sprachen vor deutschem Publikum zu spielen. „Am Anfang war es so schwer, weil wir in einer anderen Sprache singen, eine andere Musik machen.“ Die Reaktionen sind mittlerweile eindeutig: Bei Konzerten fühlen sich die Menschen wohl, sie tanzen, klatschen mit, sind begeistert, sodass die beiden glücklich sind.

Zwischen zwei Welten

Rami Basisah verkörpert die kulturelle Brücke dieses Abends. Der Geiger der Gruppe studierte klassische Musik an der Musikhochschule Stuttgart, wuchs aber mit orientalischer Musik auf. Seit seinem achten Lebensjahr nimmt er Unterricht – in klassischer wie orientalischer Musik, später auch in anderen Stilen. „Diese Musik, arabisch oder orientalisch, das kommt von meinem Blut. Ich brauche nicht zu viel zu denken. Ich genieße es“, sagt er.

Der Unterschied zu klassischen Konzerten ist für Basissa elementar: Während dort das Publikum still zuhört und erst am Ende applaudiert, kann man bei orientalischer Musik „die Gefühle im Konzert schon auf der Bühne spüren“. Musik wird zum unmittelbaren, kollektiven Erlebnis.

Vision für die Zukunft

Mohamed Khaled denkt bereits weiter. „Hoffentlich machen wir das nächstes Jahr noch größer“, sagt er. Seine Vision: ein orientalisches Herbstfest mit Basar, für Kleine und Große, ein Ort der Begegnung. Die Resonanz gibt ihm recht: Deutsche Eltern zeigen Interesse, die Werbung im Stadtteil wirkt.

Was als musikalisches Experiment begann, ist zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens in Essen-Kray geworden. Hier zeigt sich Integration nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkrete Erfahrung: durch gemeinsames Essen, durch Musik, die berührt, auch wenn man die Worte nicht versteht, und durch Menschen, die ihre Geschichten teilen. Musik wird hier zu dem, was Mohamed Khaled immer sein wollte – ein Brückenbauer zwischen Kulturen. Und für einen Abend wird das Heimweh etwas leichter.