Autor:in: Tuba Tunçak

Datum: 24 April, 2026

Kategorie: Neuigkeiten


Noch vor zwanzig Jahren war die Bağlama im öffentlichen Musikleben Nordrhein-Westfalens praktisch unsichtbar. Das birnenförmige Zupfinstrument mit seinen sieben Saiten, beheimatet in der Tradition der anatolischen Langhalslauten, erklang in privaten Musikschulen, in Kulturvereinen, in soziokulturellen Zentren – aber nicht dort, wo das offizielle Bildungssystem seinen Takt vorgab. Heute ist die Bağlama Studienfach an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, fester Bestandteil des Lehrplans des Verbands deutscher Musikschulen und ein Instrument, das Grundschulkinder in ganz NRW erlernen können. Die Geschichte dieses Aufstiegs ist zugleich die Geschichte einer Gesellschaft, die langsam lernt, ihre eigene Vielfalt ernst zu nehmen.

Im Podcast „Musikwelten NRW“ des Landesmusikrats NRW mit Tuba Tunçak zeichnen zwei Protagonisten diesen Weg nach: Tuğrul Türken, Bağlama-Künstler und Dozent, der seit über 25 Jahren an Musikschulen und an der Landesmusikakademie NRW unterrichtet, und Ufuk Çakır, Jurist, Bağlama-Spieler und Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland.

Tuğrul Türken beschreibt seinen eigenen Zugang zur Bağlama als etwas, das ihm widerfuhr, nicht als bewusste Entscheidung. Aufgewachsen als Kind einer „Gastarbeiterfamilie“ in Bochum, war es das Radio seines Vaters, das den Klang in sein Leben trug: der türkischsprachige Hörfunksender Köln Radyosu, die Einspielermusik zwischen den Meldungen, die Kassetten aus der Türkei. Er lernte das Instrument bei Ercan Şahin in der privaten Musikschule Mozaik Müzik Okulu in Köln – denn an den öffentlichen Musikschulen existierte die Bağlama schlicht nicht. Nicht im Bewusstsein, nicht im Angebot, nicht in der Vorstellung dessen, was ein Musikinstrument sein konnte.

Türken stellt die Frage, die damals niemand stellte: Warum gab es für zugewanderte Menschen kein musikalisches Bildungsangebot, das ihre Traditionen berücksichtigte? Die Antwort liegt in einer Wissenslücke, die er diplomatisch, aber unmissverständlich benennt: Die Institutionen hatten schlicht keine Ahnung davon, dass jenseits der europäisch-klassischen Musik noch andere Instrumente existierten, für die ein realer Bedarf bestand.

Der Wendepunkt kam Mitte der 2000er Jahre. Das NRW-Kultursekretariat initiierte das Projekt „Bağlama für Alle“, das öffentliche Musikschulen erstmals dazu ermutigte – und finanziell unterstützte –, das Instrument in ihr Angebot aufzunehmen. Das Kultursekretariat stellte einen Pool an Dozierenden bereit, darunter Türken selbst, die an interessierte Musikschulen vermittelt wurden. Es waren erste, tastende Schritte. Doch einer dieser Schritte führte Türken an die Musikschule Bochum, wo der damalige Leiter Manfred Grunenberg eine weiterreichende Idee hatte: die Bağlama in das Programm „Jedem Kind ein Instrument“ (JeKi) zu integrieren. Was als regionales Pilotprojekt im Ruhrgebiet begann, wurde bald auf ganz NRW ausgeweitet.

Die Integration war alles andere als reibungslos. Am „Runden Tisch Bağlama“ trafen Pädagoginnen und Pädagogen aufeinander, die grundlegende Fragen verhandelten: Stimmung, Musiktheorie, Transposition. Aus diesen intensiven, bisweilen kontroversen Diskussionen entstand der offizielle Lehrplan des Verbands deutscher Musikschulen für die Bağlama – ein Dokument, das dem Instrument erstmals einen verbindlichen Platz im institutionellen Gefüge gab.

Parallel dazu entstand an der Landesmusikakademie NRW der „Zertifikatslehrgang Musikpädagogik für MusikerInnen verschiedener Kulturen“, der inzwischen seit acht Jahren erfolgreich durchgeführt wird. Ursprünglich für Bağlama-Lehrkräfte konzipiert, wurde er geöffnet für Musikschaffende aller Herkunftskulturen, die außereuropäische Instrumente spielen. Der einjährige Lehrgang, der in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln durchgeführt wird, schließt musikpädagogische Weiterbildung, ein Praktikum und eine Abschlussarbeit ein. Er bietet den AbsolventInnen nicht nur ein anerkanntes Zertifikat, sondern öffnet ihnen Türen zu Musikschulen und soziokulturellen Einrichtungen.

Einer der aktuell 14 Teilnehmenden ist Ufuk Çakır. Für ihn ist die Bağlama weit mehr als ein Musikinstrument: In der alevitischen Tradition bildet sie das spirituelle Herzstück der Cem-Zeremonien und religiösen Zusammenkünfte. Die Texte, die sie begleitet, tragen Jahrhunderte mündlicher Überlieferung – von den großen alevitischen Dichtern wie Aşık Mahsuni Şerif und Aşık Veysel bis in die Gegenwart. Sie handeln von Spiritualität und Menschlichkeit, von Naturverbundenheit und historischer Verfolgung, von Kritik und Erinnerungskultur.

Çakır betont, dass der Zertifikatslehrgang genau dort ansetzt, wo Musik, Bildung und Gesellschaft zusammenkommen. Was ihn besonders bereichere, sei die Selbstreflexion, die der Lehrgang fördere – und die Begegnungen mit Menschen, die er in keinem anderen Kontext kennengelernt hätte. In seiner Doppelrolle als Musiker und Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland wirkte er maßgeblich an einem weiteren Meilenstein mit: der Einführung der Bağlama als Studienfach an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln.

Tuğrul Türken blickt trotz aller Fortschritte realistisch in die Zukunft. Der Zertifikatslehrgang wird nach dem aktuellen Durchgang für ein Jahr pausieren, um inhaltlich und finanziell neu ausgerichtet zu werden. Ab 2027 soll er weitergeführt werden. Der Fachkräftemangel im Bildungssystem und der demografische Wandel machen die Qualifizierung von MusikpädagogInnen mit diversen kulturellen Hintergründen dringlicher denn je. Türkens Vision: ein professionelles Bağlama-Orchester, das die Konzertsäle NRWs füllt, AbsolventInnen, die als BerufsmusikerInnen arbeiten, und ein Instrument, das in Theatern, Filmmusik und überall dort selbstverständlich erklingt, wo das öffentliche Leben stattfindet.

Die nächste Gelegenheit, den Zertifikatslehrgang und seine Teilnehmenden live zu erleben, bietet sich im Mai 2026: An der Musikschule Düsseldorf findet ein öffentlicher Workshop-Tag statt, bei dem die aktuellen Lehrgangsteilnehmenden selbst als Dozierende auftreten und Einblicke in ihre Musikkulturen geben. Die Teilnahme ist kostenfrei. Weitere Informationen sind über die Website der Landesmusikakademie NRW abrufbar.